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Jan-Uwe Brinkmann: „Die Zeit für DAB+ in NRW ist überreif“

Während der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Nordrhein-Westfalen plant, sein DAB+ Sendernetz weiter auszubauen und zudem jetzt schon digital-exklusive Zusatzprogramme anbietet, verhält sich der private Rundfunk bei der DAB+ Verbreitung seiner Programme bislang zurückhaltend.

Wir wollten den Grund dafür wissen und haben Jan-Uwe Brinkmann gebeten, uns diesen komplexen Sachverhalt genauer zu erklären. Brinkmann berät Medienunternehmen, vorwiegend in den Bereichen Change-Management, Digitale Transformation und Strategie. Er kennt das Rundfunksystem in Nordrhein-Westfalen bestens. Bis April 2017 agierte er als Geschäftsführer von radio NRW und dein.fm. Zuvor war der Volljurist als Projektleiter der Hörfunkholding DuMont Funk und Fernsehen GmbH & Co. KG tätig.

Herr Brinkmann, warum ist es aus Ihrer Sicht bisher nicht dazu gekommen, den privaten Rundfunk in NRW auch über DAB+ abzubilden?

„Privatradio“ ist in NRW sehr kompliziert. Die Politik hat Ende der 80iger ein sehr komplexes Radiosystem in NRW geschaffen. Diese Konstruktion hatte Ende der 80iger das Ziel, eine Marktabschottung über eine „Landeskinderregelung“ zu erreichen. Fairerweise muss man sagen, dass dies in nahezu allen alten Bundesländern der Fall war. Gesellschafter von Radiosendern waren in der Regel immer die Verlage in den jeweiligen Bundesländern. Und so sollten auch in NRW nur NRW-Unternehmen, vorzugsweise die Verlage und der WDR, Zugriff auf den Privatfunk erhalten. Um die Meinungsvielfalt zu sichern, wählte man das komplizierte Zwei-Säulen-Modell, in dem die publizistische Hoheit vom wirtschaftlichen Betrieb getrennt wird. Zwar haben die Verlage theoretisch keinen Einfluss auf die redaktionellen Inhalte, die regionalen Anzeigenmärkte der vielen lokalen Tageszeitungen blieben dafür in der Hand der Verlage. Dieser Grundgedanke hält bis heute noch dieses „System“ zusammen und hat bislang erfolgreich den Hörfunkmarkt abgeschottet. DAB+ besitzt aus Sicht des Lokalfunks aber den Nachteil, dass mehr Programmkapazitäten zur Verfügung stehen als benötigt werden und somit Wettbewerb in NRW Einzug erhalten könnte. Der bislang ablehnende Standpunkt des NRW-Lokalfunks gegenüber DAB+ ist also keine technologische oder ideologische Diskussion, sondern eine reine Marktabschottungsstrategie. Dies ist aus Sicht eines Monopolisten natürlich auch nachvollziehbar. Technisch den Lokalfunk abzubilden, ist kein Problem.

Wie gestern berichtet hat die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) angekündigt, Argumente für DAB+ für Nordrhein-Westfalen abzuwägen. Geplant sei, dass im Herbst zunächst die Gremien der LfM darüber informiert werden. Wie gut stehen die Chancen, dass sich an der bisherigen Situation etwas ändert?

Bislang war die Haltung der LfM gegenüber DAB+ eher kritisch. Das war in Anbetracht der eher verhaltenden DAB+ Entwicklung bis 2015 aus meiner Sicht auch durchaus nachvollziehbar. Es hat sich aber seitdem und insbesondere in den letzten 12 Monaten sehr viel getan. So gab es vier Plattformbewerber für den zweiten deutschlandweiten Multiplex, in Berlin-Brandenburg und Sachsen gab es sehr großes Interesse an landesweiten, respektive lokalen Multiplexen. Der bundesweite DAB+-Sender, Schlagerparadies, hat eine respektable Reichweite in der jüngsten MA-Ausweisung erzielt. Zudem hat die Endgerätepenetration mittlerweile eine kritische Grenze überschritten. Allein 500.000 Abverkäufe von DAB+ Endgeräten in den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind ein deutliches Signal. Insofern finde ich die Herangehensweise des Direktors der LfM, Dr. Tobias Schmid, sehr sinnvoll und begrüßenswert. Ich bin sehr gespannt, zu welchem Ergebnis die LfM kommen wird.

Jedenfalls würde ich mir eine Lösung wünschen, die den Lokalfunk zwar berücksichtigt und abbildet, z.B. in regionalen Allotments, aber auch den wichtigsten Hörer- und Werbemarkt in Deutschland für neue Angebote öffnet. Ziel einer zukunftsorientierten Medienpolitik sollte sein, dass man auch Vielfalt ermöglicht, wenn sie technisch darstellbar ist. Protektionismus ist in der heutigen Zeit keine medienpolitische Option mehr. Der Hörer- und Werbemarkt besitzt in NRW in jedem Fall genug Potential für den NRW-Lokalfunk und für neue Angebote. Insofern ist die Zeit für DAB+ in NRW reif bzw. schon überreif.

Der WDR hat angekündigt, DAB+ in den nächsten Jahren auszubauen. Dazu kommen die von Ihnen bereits angesprochenen gestiegenen Absatzzahlen der DAB+ Empfänger. Glauben Sie, dass der Lokalfunk in NRW Hörer verliert, wenn er sich weiterhin nicht an DAB+ beteiligt?

Ich glaube schon, dass der Lokalfunk Hörer verlieren könnte, wenn er sich an DAB+ beteiligt. Aber, da bin ich mir ganz sicher, wird er noch deutlich mehr Hörer verlieren, wenn er auf DAB+ nicht auffindbar sein wird. Dies könnte für den Lokalfunk sogar existentiell werden. Insofern sollte man versuchen, seine Marktposition – wenngleich mit Einbußen – zu behaupten, indem man auf den relevanten Plattformen stattfindet. Hierzu zähle ich auch DAB+.

Herr Brinkmann, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns einen umfangreichen Einblick hinter die Kulissen des privaten Rundfunks in Nordrhein-Westfalen zu geben. Auch wir sind guter Dinge, dass zu dem bereits umfangreichen DAB+ Angebot auch bald der Lokalfunk gehören wird.